"Kervansaray", Köln: Viva Anatolia
Es ist eine andere Welt. Einmal um die Ecke gehen, und es scheint, als sei man Tausende von Kilometern gereist. Mit einem Schlag andere Menschen, andere Geschäfte, eine andere Sprache, andere Gerüche. Hier haben sich die zusammen gefunden, denen die neue Heimat nicht Heimat sein will, die sich klammern an Wurzeln und Vergangenheit. So wie China Town in San Francisco, das bengalische Viertel hinter Londons Liverpool Street - oder das Regierungsviertel in Berlin.
Doch hier ist Köln. Die Stadt, die prahlt, dass in ihr doch jeder Jeck anners sein dürfe, aber he doch alle zosamme halde, gemeinsam wird geschunkelt und in pathologischer Regelmäßigkeit „Viva Colonia“ angestimmt. Die Stadt sei alt, singen Bap in „Met Wolke schwade“, und das bedeute nicht hässlich, nur reichlich grob geschminkt. Nirgends aber ist die Schminke grober und dicker und auffälliger als in der Keupstraße zu Köln-Mülheim.

Hier sind die 3er BMW tiefer gelegt und an den C-Klasse-Innenspiegel baumeln Wimpel von Galatasaray oder Fenerbahce. Und es gibt viele 3er und viele C-Klassen, meist sind sie silber oder schwarz und werden sie gelenkt von einem jungen Herrn, so sind dessen Haare Gel-verklebt und er lässt Hiphop aus den überdimensionierten PKW-Boxen pumpen.
Mit Integration in die germanische Gesellschaft hat man hier nicht viel am Hut, der Migrationshintergrund liegt am Bospurus, Klein-Anatolien nennen die Kölner die Gegend. Nur wenige Kölsche sind hier an einem gewöhnlichen Abend zu finden, meist sind es jüngere und oft kommen sie von einem Konzert oder der Disco, mehrere verbrauchte Industriehallen der Gegend haben Maschinenstraßen durch Bassboxen ersetzt.

Dabei leuchtet es doch warm auf die Straße, das Licht aus der „Kervansaray“. Appetitlich angerichtet sind die Vorspeisen in den Glasvitrinen des Schnellimbisses, der den ersten Teil des Restaurants ausmacht. Gewaltige Döner-Spieße triefen Ihr Fett wie Schweiß aus den Poren, Gammelfleisch ist angesichts der hohen Kundenfrequenz nicht zu erwarten.
Doch es lohnt sich, auf das wärmende Gefühl einer Döner-Tasche in der Hand, dem Starbucks-Becher-Äquivalent der Arbeiterklasse, zu verzichten. Denn hinten, im großen Saal ist Klein-Anatolien so Anatolien, wie Klein-Anatolien nur Anatolien sein kann. Dorthin zu gelangen kann nervig sein. Eine Viertelstunde brauchte unser Organisator am Telefon um seinen aus vier Buchstaben bestehenden Namen durchzugeben. Doch die hektischen Kellner haben gar keine Liste mit Namen – Reservierungen werden hier allein nach der Zahl der Gäste vermerkt. Und einen Tisch für fünf hätten sie auch gar nicht. Aber das sei egal, es sei ja noch einer frei erfährt der erste der Gruppe nach ungefähr fünf Minuten Rumstehen und Warten, dass sich jemand seiner annimmt.
Vielleicht war dies aber nur die Hektik des Ramada. Der Fastenmonat hat zwei Tage vorher begonnen und das erklärt vielleicht auch die extreme Befüllung des Raumes mit Gästen. Und die Hektik. Denn alle bekommen gleichzeitig, nachdem ein Geistlicher ein Gebet (zumindest hielten wir es dafür) in ein Handmikro gesingsangt hat.
Danach werden die Kellern freundlicher und die Atmosphäre freundlicher. Zu essen gibt es hier bodenständige, türkische Küche. Vor allem das Fleisch ist gut und reichlich. Auf Alkohol müssen hier aber auch Nicht-Muslime verzichten.
Da bleibt der Blick wenigstens klar für die herrlich kitschige Einrichtung mit dem Pferde-Springbrunnen in der Mitte und den Wasserfall-Bildern. Ins esoterisch-surreale kippt das Ganze durch eine Leinwand auf die ein Beamer seine Endlosschleife aus Mekka-Bildern und Naturaufnahmen wirft.

Gegen halb elf sind wir die letzten Gäste. Draußen fahren nur noch wenige 3er, es ist still geworden in Klein-Anatolien. Sicher, es ist kein China Town und kein Little Italy. Aber wenigstens ein kleiner Hauch von Exotik im urrheinischen Kölle.
Die Videokritik liefert diesmal Telekommunikations-Manager Stig Grassmay:
Link: sevenload.com


Reader Comments (1)
Schön! Wenn ich ab nächstem Jahr Köln erobere, werde ich der Kervansaray mal bei der Erkundung des Stadtteils einen Besuch abstatten :-)