Dortmund – oder: Ein Abend mit den Buddenbrooks
Das Glück liegt vor der Haustür. Genau wie der Erkenntnisgewinn. Seit nunmehr 10 Tagen bin ich auf Reportagetour im Ruhrgebiet unterwegs. Mit Annette und Luigi, dem Pottsblitz. Wer mal gucken möchte, was wir so alles erleben, der schaut nach unter www.pott2null.de Es lohnt sich!

Seit ich das mache, freue ich mich jeden Tag über die gewonnene Erkenntnis, dass man nicht weit wegfahren muss, um tolle Sachen zu erleben. Zum Beispiel gestern Abend. Anlässlich der Nacht der Museen hatte das Theater Dortmund zu einer öffentlichen Probe der „Buddenbrooks“ eingeladen. Ein solches Theatervergnügen an einem Samstagabend und dann noch zum Nulltarif – das wollte ich mir natürlich nicht nehmen lassen.
Auszug aus dem Programmheft:
„Reich sind sie, die Kinder der Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Ob Beerdigung, Verlöbnis, Berufswahl – alles gerät zur geschäftlichen Transaktion. … Thomas Manns Buddenbrooks ist ein Jahrhundertroman, der in grandioser Schärfe die Krankheit des kapitalistischen Jahrhunderts diagnostiziert: Das Diktat der Ökonomie.“
Also war ich mächtig gespannt, wie die Dortmunder den Romanklassiker von Thomas Mann für die Bühne umsetzen würden. Das Bühnenbild hat mir sehr gefallen: Es ist modern und sparsam. Vier Sessel, zwei Stehlampen, viel Gardine, die den Raum dahinter teilweise freigibt und als Spielraum mit einbezieht. Interessant auch die Beleuchtung, die die Bühne mal intim, mal grell erscheinen lässt.

Auf der Probe habe ich leider nur Auszüge aus dem Stück gesehen– das Werk in voller Länge gibt’s ab heute in der Wiederaufnahme für die Saison 2007/2008 zu sehen – aber ich war sowas von begeistert.
Für die Bühne bearbeitet hat die Romanvorlage der Autor John von Düffel (für eine Inszenierung für das Thalia Theater in Hamburg im Jahr 2005).
Vor allem zwei Figuren haben mich sehr beeindruckt: Zum einen die Tony, Tochter des Konsuls Buddenbrook, gespielt von Monika Bujinski . Sie ist so ganz und gar eine Tony der Jetzt-Zeit und hat gar nichts Liselotte-Pulver-haftes (die Älteren erinnern sich sicher noch an die berühmte Verfilmung mit ihr und Hansjörg Felmy als Thomas Buddenbrook).
Bujinski verkörpert Tony zunächst als durchaus sympathische, freche, fohlenhafte, verzogene Göre. Der ihr von den Eltern aus finanziellen Erwägungen angediente Grünlich, ein Kaufmann Geschäftemacher mit fragwürdiger Reputation – wie sich leider zu spät herausstellt – wird dargestellt von Jakob Schneider. Er gibt den Grünlich grobschlächtig und bemitleidenswert, impertinent und linkisch. Ein Höhepunkt des Stückes ist die Szene, in der der Bankrotteur finanziell die Hosen runterlassen muss – und gegenüber dem Bankier Kesselmeyer „blank zieht“.
Über Thomas Buddenbrook, den Sohn des Konsuls, konnte ich mir kein rechtes Bild machen; er bleibt merkwürdig blass – aber vielleicht ist das auch die Absicht. Autor von Düffel – von dessen Texten zum Stück Auszüge in dem (sehr gut gemachen) Programmheft abgedruckt sind – sieht Thomas jedenfalls so:
„Die Anpassung frisst ihre Kinder: … Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Gerade die pflicht-schuldige, gewissenhafte Haltung von Thomas Geschäfts- und Lebensführung scheint ein Grund dafür zu sein, weshalb die Firma Johann Buddenbrook nicht vom Fleck kommt, warum sie stagniert und verliert. Fast könnte man sagen, dieses Unternehmen geht an seiner Tradition, seiner Altehrwürdigkeit zugrunde. Es wird weder durch Leichtsinn noch Unvermögen sondern vielmehr durch den konservativen Geist des Bewahrens ruiniert. Weil es vergreist, anstatt sich zu erneuern. …“
Wieviele solcher Unternehmen habe ich in meinem Leben schon gesehen und wie viele Thomas Buddenbrooks habe ich schon getroffen! Also, Leute, riskiert was! Und vor allem: Geht mal wieder ins Theater. Die Bar vom Schauspielhaus für hinterher ist übrigens sehr schick und blau illuminiert.


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