"Giverny", Münster: Oui, es dauert zu longe
In Münster, meiner Heimat, ist das so eine Sache mit den Restaurants. Der Münsterländer an sich ist ein geselliger Mensch, weshalb er lieber selber kocht. Aus diesem Grund ist der samstägliche Wochenmarkt auf dem Domplatz Pflichtveranstaltung für alle Freunde guten Essens.
Deshalb aber auch gibt es so wenige wirklich gute Restaurants in der Stadt. Eines, das sich seit Urzeiten hält ist das “Giverny”. Noch immer, bestätigen meine ortsansässigen Freunde, sei es der Platzhirsch, ständig ausgebucht und für lokale Verhältnisse zu teuer (Hauptspeisen 20 bis 25 Euro, wobei das Preisniveau in Münster unter dem von Düsseldorf oder Hamburg liegt) - aber das Essen sei eine Wonne.

Als Gruppe liefen wir auf, müde und schlapp gelaufen nach einer Runde über die Skulptur Projekte. Immerhin erwies sich der Chef, ein Franzose namens Zaragoza, als flexibel: Zufällig begegneten wir ihm am Nachmittag zwischen zwei Kunstwerken, als er sein Lokal aufschloss. “Wir sind ausgebucht”, klagt er zwar bei der Bitte, unseren Tisch von fünf auf acht aufzustocken - doch “wir versuchen alles”.
Und so saßen wir sogar im Wintergarten, hinten, dem bevorzugten Teil des lichten Restaurants in einem der typischen Sandsteinbauten, die Münster vor allem bei blauem Himmel etwas leicht mediterranes verleihen. Erst seit diesem Jahr residiert das “Giverny” hier, zuvor war es am Rande einer Passage beheimatet und atmete gestalterisch den Hauch der späten 80er. Nun ist es wirklich angenehm, aber nicht übertrieben designt - das würde wohl nur das graumelierte Stammpublikum verschrecken.

Doch unser Abend begann schon unglücklich - und sollte nicht besser werden, was den Service betrifft. Da fehlte hier mal ein Besteck, dort lag das falsche. So sollten wir den delikaten Gruß aus der Küche - eine Rinder-Pastete - entweder mit dem Fischmesser zerteilen oder nur mit der Gabel. Zumindest lag bei allen, die Fisch geordert hatten allein das eine Besteck - wenig professionell. Auch später stellte sich die Frage von Messer, Gabel und Löffel mehrmals.
Eine der Vorspeisen wurde dann auch gleich mal vergessen, den Hinweis quittierte die Bedienung zunächst mal mit säuerlicher Miene. Und bei der Weinauswahl hielt man sich von Empfehlungen im Bereich der offenen Tropfen fern.
Den Tiefpunkt erreichte das merkwürdige Verhalten aber, als wir über eine Stunde nach dem Verzehr der Vorspeisen höflich fragten, ob es denn noch lange dauere. Sicher, das Lokal war ausgebucht - aber über eine Stunde? Sofort erschien der massige, an einen Seebären erinnernde Chef de Maison, baute sich vor dem Frager auf und fragte mit dem Ton, den wir von Vito Corleone kennen: “Ihnen dauert es ‘ier zu longe?”
Antwort: “Na ja, wir sitzen hier schon über eine Stunde seit der Vorspei…”
“Sie se’en doch: Es ist voll. Und in meine Lokal alles wird frische gemacht.” Sprach’s und drehte sich weg.


Dabei hätte er doch solch ein Verhalten gar nicht nötig. Das Essen nämlich ist durchaus von sehr gehobenem Niveau. Die Austern als eine Vorspeise, zum Beispiel, waren frisch und mild - vom Feinsten. Das Schwertfischsteak mit Orangen-Chili-Sauce - exzellent. Und auch das Rindersteak an scharfer Sauce bot keinen Grund zur Klage.
Und dann die Desserts! Wenn auch nur zwei der acht Personen zu so später Stunde noch so kalorienreiche Kost wagten. Das Bénédictine-Parfait im Baumkuchenmantel an Champagnesabayon war grandios.
Warum also ein so rüdes Verhalten? Ist es einfach nur schlechtes Training? Der Chef ein Despot, unter dem die Mitarbeiter zittern? Vielleicht ist es wie so oft mit Platzhirschen-Restaurants: Ohne Konkurrenz werden sie nachlässig, glauben sich nicht mehr anstrengen zu müssen. In Münster, jedenfalls, scheint die Zeit reif für ein weiteres Top-Lokal.
Das abschließende Wort hat unser Videokritiker und Architekt Achim Paskuda - der wie ich vom Kreis der Mit-Esser enttäuscht ist: Nur wir hatten Desserts und Digestivs - die anderen waren Weicheier.
Link: sevenload.com
“Giverny”
Spiekerhof 25
48143 Münster


Reader Comments (2)
sehr schön beschrieben :-)
Diese Erfahrungen kann ich leider aus früheren Besuchen - auch noch im Lokal am Hötteweg - bestätigen. Gewartet haben wir schon immer - und im neuen Giverny ist leider der Service nicht besser geworden - vielleicht auch wegen der langen Wege. Aber zu den Topp-Lokalen der Stadt habe ich das Restaurant noch nie gezählt. Da ist doch das Medici immer noch die bessere Empfehlung.Auch ich würde gerne besser essen in dieser Stadt: Aber das Angebot ist so begrenzt, dass ich leider besser kochen lernen m u s s t e.