Selbst ist die Frau - oder: Sieben Wochen China

Am Anfang war das Schriftzeichen
Kaum war der Gedanke geboren – nach so etwa sechs geruhsamen Monaten des gründlichen Ausspannens – ward auch der geeignete Mandarinkurs schnell gefunden. Das Sinicum in Bochum bietet einen dreiwöchigen Intensivkurs an, und als Arbeitsloser bekommt man dort außerdem noch ordentlich Rabatt. Die Kurse sind allerdings sehr gefragt und es empfiehlt sich, sich frühzeitig um einen Platz zu bemühen. Was dann folgt ist eine Herausforderung an die Speicherkapazität des Großhirns.
Dabei ist die chinesische Sprache - grammatikalisch betrachtet - eher simpel. Aber die vielen neuen Vokabeln, die man an nichts Bekanntes andocken kann, um sie sich besser merken zu können und vor allem die Aussprache mit den vier verschiedenen Tönen, die sich für das ungeübte Ohr alle gleich anhören, aber alle etwas anderes bedeuten, können den Lernwilligen doch recht schnell (ich würde mal sagen, spätestens am zweiten Tag) an den Rand des Wahnsinns führen. Wer sich einst beim Musikunterricht außerstande sah ein C von einem Cis zu unterscheiden, dem wird sich auch nicht so schnell der akustische Unterschied von mà und má offenbaren (das eine heißt beschimpfen, das andere Hanf. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert). Trotzdem ist dieser Intensivkurs jedem zu empfehlen, der gerade mal drei Wochen Zeit übrig hat. Denn man eignet sich nicht nur Grundkenntnisse in Mandarin an (was sich im Lebenslauf heutzutage immer gut macht), sondern lernt auch viel über Chinesische Geschichte und Kultur. Mir ist erst während des Kurses aufgefallen, wie erschreckend wenig ich darüber wirklich wusste und Stichproben bei einigen meiner, eigentlich recht gebildeten Freunde, haben gezeigt, dass auch sie über etliche Wissenslücken in Bezug auf China verfügen.

Nach 100 erfolgreich absolvierten Unterrichtsstunden, ca. 2 Millionen neu gebildeter Synapsen und sechs Wochen rudimentärer Jobsuche bekam ich das Angebot eine Chinesin für zwei Monate nach Chengdu, die Hauptstadt von Sichuan, zu begleiten. Noch nie was von Chengdu gehört? Macht nichts. In China wimmelt es nur so von Städten wie Chengdu: mindestens 10 Millionen Einwohner und kaum ein Europäer – von US-Amerikanern ganz zu schweigen – hat auch nur einen Hauch von Ahnung, dass sie existieren. Als ich in Chengdu meine Heimat Österreich vorgestellt habe, mit ihren sage und schreibe 8 Millionen Einwohnern, hatten die Chinesen dafür nur ein mitleidiges Lächeln übrig…

Im Land der Mitte (chinesisch: Zhongguo)
Das erste, was bei der Ankunft in China auffällt, sind die freundlichen und sehr effizienten Einreisemodalitäten. Eine wahre Wohltat für jeden USA-Einreise-traumatisierten. Was überrascht ist auch die Modernität der Flughäfen. Überhaupt ist alles auf den ersten Blick viel fortschrittlicher als man sich das gedacht hat. Zumindest so lange man in den Städten bleibt. Auf dem Lande ist China auch heute noch vielerorts so wie vor dem großen Wirtschaftsaufschwung, der vor ca. 20 Jahren durch Deng Xiaoping eingeleitet wurde. Doch leider dringt der wissbegierige Fremde nur sehr schwer in diese ländlichen Gegenden vor. Denn die chinesischen Gastgeber sind sehr darauf erpicht, dass der werte Besucher dieses andere China gar nicht erst zu Gesicht bekommt. Sehr zum Leidwesen des Gastes!

Die ersten Tage in Chengdu waren äußerst angenehm: Das Hotel entsprach entgegen aller Befürchtungen europäischen Standards (abgesehen davon, dass niemand vom Personal wusste wo der Fluchtweg ist – aber so eine blöde Frage kann auch nur ein sicherheitsorientierter Europäer stellen), es wurde viel zum gemeinsamen Speisen geladen, reichlich auf Gesundheit, Wohlergehen und die Vorfahren angestoßen und auch sonst war alles äußerst spannend. Da störte es kaum, dass niemand Englisch sprach, man weder alleine etwas zu Essen bestellen, noch sich frei außerhalb des Hotels bewegen konnte. Mit dem Arbeiten schien es keiner wirklich eilig zu haben. Eigentlich war ich ja nach Chengdu gekommen, um einigen Vertretern der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Sichuan die kulturellen und kommunikativen Besonderheiten von Europäern nahe zu bringen. Dass das ausgiebige gegenseitige Kennenlernen bei diversen Gelagen bereits ein wichtiger Bestandteil der Arbeit war, ist mir erst später klar geworden.

Sieben Wochen in China zu verbringen, heißt sich jeden Tag, jede Stunde und jede Minute außerhalb seiner Komfortzone aufzuhalten. Alles bisher Gelernte und Erfahrene muss in Frage gestellt werden, die Welt neu wahrgenommen und erfahren werden. Ein Blick auf eine „chinesische“ Weltkarte hilft zu verstehen, wie schnell Vertrautes plötzlich fremd wird, wenn man es aus einer anderen Perspektive betrachtet .
Kulturschock China – ohne geht’s nicht
Der erste Vorfall, der mich bereits am vierten Tag aus der Bahn geworfen hat, war die nonchalante Ankündigung meiner Chefin, die Gunst des Heimataufenthaltes zu nutzen, um sich die Zähne richten zu lassen. Die deutschen Zahnärzte würden ja schließlich nichts taugen. Statt ihre Arbeit zu machen, ließ sie sich also erst einmal sechs Zähne ziehen. Gewöhnungsbedürftig war auch, dass spontan irgendwelche (weiblichen) Familienangehörigen in mein Zimmer einquartiert wurden, wenn es für die Heimreise schon zu spät war. So richtig auf die Probe gestellt wurde die nervliche Belastbarkeit allerdings mit Ankündigungen wie „Morgen fahren wir nach Yibin (eine halbe Tagesreise von Chengdu entfernt). Dort hälst du einen Vortrag über die wichtigsten Standortfaktoren westlicher Investoren.“ Ein bisschen mehr Vorbereitungszeit für ein sujetfremdes Thema wäre da schon wünschenswert gewesen. Aber das sehen wir Europäer halt einfach alles viel zu eng… Wer mehr über den Verlauf des Kulturschocks erfahren will, kann sich in diese Abhandlung einlesen: Was ist Kulturschock – und wie gehe ich damit um?
An dieser Stelle wohlwollend erwähnt werden muss die Kochkunst der Chinesen. Wer bisher nur Schweinefleisch süß-sauer kennt, wird in China schnell feststellen, dass uns in Deutschland jahrzehntelang falsches chinesischen Essen angedreht wurde. Ob im teuren Restaurant oder beim Händler an der Strasse – nie wurden meine Geschmacksnerven enttäuscht. Man darf halt einfach nicht so genau hinschauen und auf keinen Fall versuchen in Erfahrung zu bringen, was man da gerade isst. Vieles erkennt man ohnehin und das, was man nicht erkennt, sollte man sich einfach als wohlschmeckendes Geheimnis einverleiben. Ich habe mich nur ein einziges Mal einer kulinarischen Spezialität verweigert, jedoch gerade weil ich sie erkannt habe: Dem oben bereits erwähnten ganzen toten Frosch an Salatblatt, den ich auf keinen Fall in meinem Hot-Pot (eine Art chinesischen Fondue) verschwinden sehen wollte. Wer übrigens in Düsseldorf mal Hot-Pot ausprobieren möchte, dem sei das Restaurant Sichuan empfohlen. Dort gibt’s es auch garantiert keine toten Frösche im Angebot.

Zum Abschluss noch ein paar Buchempfehlung für den China-Interessierten:
Jung Chang: Mao (die aktuellste und wohl auch umfassendste Biografie über Mao, der verantwortlich war für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten und dennoch heute noch in China überall verehrt wird. Um die 800 eng beschriebenen Seiten in einem Rutsch zu schaffen, sollte man sich allerdings für mindestens drei Wochen in die Einsamkeit zurückziehen.)
Ebenfalls von Jung Chang: Wilde Schwäne (die Biografie ihrer Großmutter und Mutter. Spannende Geschichte, die jede Menge private Einblicke gewährt in die familiären, kulturellen und politischen Gepflogenheiten Chinas in den letzten 100 Jahren – und viel leichter zu lesen ist als die Mao-Biografie.)
Vademecum China vom Hueber Verlag (Ein Retter in der Not für Chinareisende ohne Sprachkenntnisse. Viele vorgeschriebene Sätze auf Chinesisch, die man als Tourist so braucht, wie zum Beispiel „Wo ist der Vertreter des Chinesischen Internationalen Reiseservice?“, „Wo ist die Abteilung für Zahlheilkunde?“ (falls auch Sie sich Ihre Zähne in China richten lassen wollen), „Bitte bringen Sie mir Bohnenpaste mit gehacktem Schweinefleisch in scharfer Sauce“ (auf chinesisch viel kürzer: má pó dòu fu!)
Edoardo Fazzioli: Gemalte Wörter (214 chinesische Schriftzeichen – vom Bild zum Begriff. Bei diesen 214 Schriftzeichen handelt es sich um die sogenannten Radikale (Klassifikationszeichen). Anhand dieser 214 Radikale können die gebräuchlichsten 10.000 Schriftzeichen im Wörterbuch gefunden werden (schließlich gibt es ja kein Alphabet nach dem gesucht werden kann)und sie geben außerdem jedem Schriftzeichen einen Hinweis auf seine Bedeutung.)
Hanne Chen: Kulturschock VR China/Taiwan (für Menschen mit wenig Zeit: Eine Art Executive Summary zum Thema China.)
So vorbereitet kann ich eigentlich nur jedem empfehlen sich China mal selbst aus der Nähe anzuschauen. Möglichst ohne große geführte Reisegruppe, denn sonst kann man besser nach Chinatown in London fahren. Denn dort geht es allemal authentischer zu als im komfortablen Überlandbus eines deutschen Reiseveranstalters, der ausschließlich auf vom Politbüro freigegebenen Wegen wandelt und den Gästen wohldosiert das politisch korrekte China vorgaukelt.
Dieser Beitrag stammt von unserer Gastautorin Karin Mlaker, die bereits einen sehr lesenswerten Text über die Sporaden verfasst hat (siehe Rubrik: Griechenland). Wir freuen uns darauf, in Zukunft noch mehr über Ihre China-Erlebnisse zu lesen.


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