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Berliner Luft im Kohlenkeller

Ich geb jetzt mal einen Begriff vor und Sie ergänzen, was Ihnen als erstes dazu einfällt, OK?

Also: Berliner Hinterhöfe!

Na, wie viele haben jetzt sofort gedacht: “Heinrich Zille”? Wahrscheinlich einige. Doch heute haben die Hinterhöfe der Hauptstadt nichts kleinbürgerliches mehr. Im Gegenteil: Wer die witzigsten, besten, ungewöhnlichsten Cafés, Bars oder Läden  entdecken will, muss durch die Torbögen oder in die Keller gehen. Und entdeckt als Höhepunkt eines der charmantesten Geschäfte, die mir weltweit je begegnet sind. Es verbirgt sich unter diesem Hinweis:


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 Doch bevor wir uns diesem kleinen Wunder nähern, stärken wir uns. Mit Keksen. Im Hinterhof. Nun klingt es schon ein wenig snobistisch, empfiehlt man ein Café allein wegen seiner Kekse, dem vielleicht schnödesten aller Backwerke. Doch wer so denkt, war noch nicht bei der “Hofbäckerin” in der Oranienburger Straße 27.

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Im Innenhof neben dem bekannten Restaurant “Silberstein” versteckt sich das eher unscheinbare Café. Denn sonderlich spektakulär ist das Ambiente nicht. Hübsch, nicht mehr. Der Kaffee ist ordentlich, aber es gibt besseren in der deutschen Hochburg der Coffee Shops. Und freien W-Lan-Zugang gibt es bei der “Hofbäckerin” leider auch nicht - ein echtes Manko.

Andererseits: Ein aufgeklapptes Laptop würde auch nur ablenken von diesen Keksen. Ach, diese Kekse. DIESE KEKSE! Eine satte Auswahl gibt es, vom Schoko-Keks in Kuhform, der so wunderbar nach Zartbitter-Schoko schmeckt über die Vanille-Variante bis zum Marzipan-Kipferl.

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Angeblich soll besonders wenig Zucker verwendet werden. Schmeckt auch so - und das ist positiv gemeint. Frisch ist die Ware ohnehin. Und ein gutes Werk: Die “Hofbäckerin” ist Teil eines Projektes zur Berufsberatung, das Café finanziert Stipendien für Traumjob-Praktika.

 Ebenfalls einen Hinterhofbesuch wert ist die Münzstraße 21. Allein schon des Historien-Feelings wegen. Denn wer unter dem Torbogen steht, vor allem an einem jener grauen Regentage, oder im Winter, dem bietet sich ein Bild, wie 1945 erstarrt. Ein düsteres Licht, abbröckelnder Putz, in den Wänden die Einschusslöcher der Kugeln aus russischer und deutscher Fabrikation. Man spürt Niederlage in der Luft. Auch wenn die Mieter vielleicht anders darüber denken: Möge dieser Innenhofe niemals eine Renovierung erfahren!

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Ganz hinten findet sich das Modegeschäft von Andreas Murkudis, dem Bruder des Designers  Costas Murkudis. Hier gibt es sehr, sehr coole, sehr, sehr schlichte Mode zu sehr, sehr hohen Preisen - erst recht für Berliner Verhältnisse. Zu Ausverkaufszeiten aber wird auch Murkudis einigermaßen erschwinglich.

Einen Innenhof vorher aber residiert der Grund, immer wieder herzukommen. “Smart Travelling” ist eine kleiner Fernweherreger mit immer neuen Ideen. Einerseits wird hier die gleichnamige Reiseseite gemanagt, andererseits gibt es hübsche Kleinigkeiten zur Erleichterung der Jetlag-Strapazen. Und schließlich können hier noch Spezereien aus aller Welt, geordnet nach ihren Herkunftsstädten, erworben werden.

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 Leider nimmt die Auswahl der Reisebücher immer mehr Raum ein. Das soll nicht heißen, dass diese Bücher schlecht sind.
Im Gegenteil: Hier finden sich auch internationale Überraschungen. Doch ist der Anteil der Editionen Taschen und Angelika Taschen einfach zu hoch. Ich kann die Werke dieses Hauses  nicht mehr sehen. Ja, sie sind traumhaft schön, ja, sie sind gut gemacht. Aber deshalb stellt sie ja auch jede Dorfbuchhandlung ins Schaufenster. Der Taschen-Verlag ist der Günter Jauch unter den Buchhäusern - schön und gut, aber der Moment der Überdrüssigkeit ist längst passiert.
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Doch wenden wir uns nun dem Höhepunkt der Hinterhofbesuche an diesem Berlin-Nachmittag zu. Und dieser Höhepunkt liegt nicht in einem Hinterhof, die Ankündigung ist also geschummelt, tschuldigung dafür. Er liegt in einem ehemaligen Kohlenkeller, was ja auch irgendwie in die Zille-Kategorie fällt. Dieser Keller liegt in der Krausnickstraße 12 und es ist nötig den Kopf zu ducken, wie die Malerei an seinem Eingang, Sie sehen es ganz oben, gebietet. Auch der, der sich dieses Paradies erdacht hat, Jens Poenitzsch, muss mächtig den Kopf einziehen. “The Different Scent” heißt sein Werk und ich verordne hiermit jedem Berlin-Reisenden und jedem Einheimischen, der dies liest, einen Besuch.

Was einen da unten erwartet? Düfte und Geschichten. Parfums verkauft Poenitzsch. Nicht irgendwelche, nicht die Calvin Kleins und DKNYs und Hugo Bosse, die es bei Douglas zum incommen und outfinden gibt und die nach fünf Minuten wieder verflogen sind. Bei The Different Scent gibt es die großen Traditionsmarken aus England, Frankreich, Italien, Amerika, ja sogar  Bermuda.

Und zu jedem von ihnen erzählt der Chef Geschichten. Da entstehen italienische Insellandschaften und Karbik-Strände, werden Parfum-Dynastien wieder lebendig. Schließlich, als Höhepunkt, beschreibt Poenitzsch die Düfte. Nicht übertrieben elegisch, sondern mit ganz ruhiger Stimme und doch so begeistert wie ein begnadeter Sommelier über seine Weine spricht. Und am Ende kauft man. Ich zumindest. Zum Beispiel das “1805” von Truefitt & Hill. Oder das “GFT” von Geo F. Trumper. Teuer? Nicht billig, aber erschwinglich. Und ergiebiger als die Kunstdüfte der großen Modemarken. Berliner Luft jedenfalls hat für mich seitdem ein anderes Aroma.

The Different Scent
Krausnickstraße 12
10115 Berlin-Mitte

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Posted on Sonntag, Juli 8, 2007 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , | CommentsPost a Comment

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