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Ein Bekenntnis in Sachen Essen

Ich habe ein Problem. Ein großes. Aber bei den Anonymen Alkoholikern soll man ja auch offen zu seiner Sucht stehen.

Also:

Ich esse gern.

Und viel.

Und (fast) alles.
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Und dabei ist es egal ob edel oder bodenständig. Für die Drei-Sterne-Qualitäten von Dieter Müller (und drei Sterne sind für ihn noch immer drei Sterne zu wenig) bin ich ebenso zu begeistern wie für eine Suppe auf einem  wuseligen und in Sachen Hygiene nur grenzwertig vertrauenswürdig erscheinenden Markt in Hanoi.

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Das ist natürlich eigentlich kein Problem. Na gut, für meine schlanke Linie schon. Und ein vierwöchiger Frankreich-Urlaub würde mich der Herzverfettung mutmaßlich bedrohlich nahe bringen. Aber Wagemut tut ja bekanntlich selten gut und man soll es nicht beschreien und irgendwann erwischt es jeden. Deshalb frage ich mich: Wann wird mich meine Sucht mal so richtig ins Aus - sprich tagelang auf die Toilette - schießen?

In Georgetown, der wunderschönen, kolonialen Hauptstadt der malaysischen Insel Penang, hätte es mich erwischen können. Kläglisch scheiterten wir gleich zwei Mal beim Versuch, uns an einem Abend per Drei-Gang-Menü durch die drei ethnischen Bestandteile Penangs - indisch, chinesisch, malayisch - zu futtern. Werden wir alt? Mehr als zwei waren nicht drin. Was einfach an den wunderbaren Straßenrestaurants lag. Nur ein  Gericht  pro  Laden wäre einer Beleidigung des jeweiligen Kochs gleichgekommen. Haben wir uns zumindest eingeredet.
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Zum Beispiel der Chinese mit den Plastikstühlen. Das Reichen der Karte quittierten wir reflexhaft mti einer Bestellung. Dabei ahnten wir nicht, dass es noch mehr gab. Alle paar Minuten rollten die bedienenden Damen Wägelchen mit Speisen vorbei, köstliches Dim Sum, zum Beispiel. Oder kleine, deftige Küchelchen. Und weil alles so wundervoll und köstlich aussah - und noch dazu  schmeckte - bestellten wir und bestellten und bestellten. Was keine Auswirkungen auf das Frühstück am Folgetag hatte.

Oder Hanoi. Da hätte es auch passieren können. An jenem ersten Abend, frisch eingetroffen aus Kambodscha. Vor dem Hotel ein Trisha-Fahrer (das sind dreirädrige Fahrrad-Rikschas). Na gut, ein erster Blick durch die erleuchtete Stadt. Nach zehn Minuten knurrt der Magen, befeuert durch vorbei wehende Straßenküche-Aromen. Ob er ein gutes Restaurant kennt? Natürlich. Wir landen wieder auf Plastikstühlen, diesmal dunkelgrün.

Kambodscha%20und%20Vietnam%202004%20081.jpg Im Neonlicht ordern wir auf gut Glück ein vietnamesisches Fondue. Ein blauer, viereckiger Gaskocher wird aufgestellt, darauf kommt ein Topf mit Brühe. Und dann kommen Teller mit Flusskresse, Fisch, Garnelen, Fleisch und großteiligen Florabestandteilen, von denen wir nie erfahren sollten, wie sie heißen. Gut, wir haben gefragt. Aber die  Nennung vietnamesischer Gemüsenamen hilft dem Touristen nur begrenzt weiter.

Am nächsten Tag treiben wir die Versuchung des Glücks auf die Spitze.  In Vietnam reisten wir mit Guides, ein Fehler, über den in einem späteren Artikel noch zu schreiben sein wird. Wir bitten unseren Führer, uns die Auslagen der Lebensmittelhändler zu erklären. In einem Topf brodelt Fett, darin schwimmen hellbraune, knusprig erscheinende Scheiben. Was das ist? “Hackepeter” sagt unser in der DDR-studierter Einheimischer. Lecker? “Ja”, sagt er mit leicht zweifelndem Unterton. Die werden doch nicht? Doch werden sie, die irren Touris. “Zwei davon, bitte.”

So was scheint er nicht gewohnt. Überrascht erklärt er der Händlerin, dass diese beiden Weißnasen gerne zwei der Hackepeter-Scheiben essen würden. Sie schaut ebenso überrascht, Touristen speisen selten auf den halbschienbeinhohen Plastikhöckerchen - und sie freut sich sichtlich, dass es uns schmeckt. Folgewirkung? Nö.  

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Vielleicht war es dieses erste Essen, das uns leichtsinnig gemacht hat. Unse Asien-Premiere führte uns nach Phuket. Ich weiß, für echte Thailand-Fans ist Phuket tabu. Doch für Asien-Anfänger ist die Insel ein guter Einstieg. Und dort, in Phuket City, gab es diese Suppenküche, aus der es wunderbar duftete.

Also nahmen wir Platz, die einzigen Touristen in einem Lunch-Treff der örtlichen Verkäufer. Der eine oder andere schaute überrascht rüber. Und? Ist doch lecker. Und scharf. Sauscharf. Was in Thailand gleichzusetzen ist mit saulecker.

Durchfall danach? Würgereize? Buddhas Rache? Nix. Auch nicht nach diversen Snacks bei jenen Imbiss-Motorrädern, die auf Winzraum leckere Spießchen anbieten.

Die Suppenküchen dieser Welt kennen uns also. Aber ich leide noch dazu an einer Art Farb-Magen-Blindheit. Wenn etwas völlig abgefahren klingt auf einer Speisekarte, dann muss ich es bestellen. Und wenn etwas so künstlich aussieht und so farbverschoben, als sei es eine Gestalt gewordene Warhol-Litographie - dann muss ich es kaufen. Es geht nicht anders.

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Noch heute muss ich mir  böse Kommentare gefallen lassen ob der kleinen Zwischenmahlzeit auf Phuket. Dazu muss man wissen, dass nirgends auf der Welt Süßigkeiten bunter und schillernder verpackt werden als in Asien. Zu dieser Zeit trank ich außerdem jeden Morgen ein Fläschchen Yakult. Das ist dieser erste aller probiotischen Drinks. 

Und als ich im Supermarkt Yakult mit Blaubeergeschmack entdeckte und dazu jenes eingepackte Toast, bestrichen mit einer strahlend-lila Zuckerpaste - da musste ich zubeißen. 

Waterfront%20084.jpg Wo Essen lockt, da kann ich halt nicht anders. Auch wenn ich zu Extrem-Messern greifen muss. Selbst  Kuchen und Eis aus der Stinkfrucht Durian habe ich schon gekostet. Und die Pizza-Hut-Double-Roll-Pie? (Gefunden bei Don Dahlmann) Müsste ich nicht haben. Würd ich aber auch nicht vom Teller schubsen.

Nur einmal, da hab ich gekniffen. Es war auf Phuket. Ein paar hundert Meter von unserem Hotel entfernt gastierte eine heimische Kirmes, mit Thai-Boxen, Steilwandfahren, und Ständen, bei denen man jene Art Plastikmöbel erstehen konnte, auf denen wir später noch zahlreiche Mahlzeiten einnehmen würden.

217_1783.JPG Und dort gab es auch geröstete Kakerlaken, Würmer, Heuschrecken und anderes Getier dieser Art. Aufgeschichtet wie Popcorn. Knusprig sah es aus. Gar nicht unlecker. Auf den Punkt geröstet.

Und doch - es ging einfach nicht.

Wenn ich aber sehe, was andere Blogger so an Essen begegnet, zum Beispiel den Autoren von Weird Meat, dann sage ich mir: Das, was ich geschmeckt habe, das ist noch nichts. Gar nichts. Da kommt noch viel mehr.

Posted on Dienstag, Juli 31, 2007 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , | Comments4 Comments | References1 Reference

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Reader Comments (4)

Ich empfehle für weitere spannende Exkursionen in die Welt der aussergewöhnlichen Gastronomie am Rande des Denkbaren Anthony Bourdain und von ihm besonders seine Serie "A Cook's Tour" vom schönen Travel Channel. In Ermangelung anderer Möglichkeiten sollte es davon auch sicherlich irgendwo Torrents geben, die ein Anschauen in heimischen Gefilden erlauben.

Juli 31, 2007 | Unregistered Commenteryoudots

Oh ja, Bourdains Bücher kenne ich auch. Ihm verdanken wir einen Restaurantbesuch in Saigon, von dem ich demnächst noch mal schreibe.

August 1, 2007 | Unregistered CommenterThomas

Auch gut: Jeffrey Steingarten, Der Mann, der alles isst.

August 1, 2007 | Unregistered CommenterFlorian Steglich

Zweiter Versuch, immer noch gut: Jeffrey Steingarten, Der Mann, der alles isst.

August 1, 2007 | Unregistered CommenterFlorian Steglich

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