Münster - eine Skulptur von einer Stadt
QUUUUÄÄÄÄÄKKKK macht die Bremse des Hollandrades. Sein Fahrer, ein Herr im Grauhaar-Alter gewandet in eine beige Weste und weite Jeans, blickt Kopf schüttelnd auf die Installation aus buntem Metall vor ihm.
“Und dat soll Kunst sein?”, fragt er im sandweich geschmirgelten Akzent der Münsterländer.
Sein Eheweib, vom abrupten Abbremsen ihres Gatten überrascht, wendet und kommt neben ihm zu stehen. Erbost ob der kulturellen Ignoranz giftet sie zurück: “Wat iss denn für Dich Kunst. Sach mal: Wat iss Kunst?”
Wenn Menschen, die niemals ins Museum gehen, ihre Sonntags-Radeltour unterbrechen um auf offener Straße über die Definition von Kunst zu debattieren, dann wissen die Münsteraner, dass wieder einmal zehn Jahre rum sind - und die Skulptur Projekte einen Sommer lang ihre Stadt mit Kunst füllen. Dabei reden wir nicht von den Ergüssen örtlicher Volkshochschulkurse, sondern von großen Namen: Bruce Naumann, Isa Genzken, Thomas Schütte - sie alle haben Exklusives erschaffen für die vielleicht ungewöhnlichste Kunstausstellung Deutschlands, dem ironischen und unterhaltsamen Gegenpol der Kasseler Documenta. Und einem Grund mehr, endlich mal nach Münster zu kommen.

Eines vorweg: Ich bin nicht neutral. Denn ich komme aus der Nähe von Münster, ich habe in Münster studiert, ich bin Fan von Preußen Münster - ich bin nicht unvoreingenommen, was diese Stadt betrifft. Trotzdem hoffe ich, Sie glauben mir, wenn ich schreibe: In diesem Sommer sollten Sie ernsthaft erwägen, ein Wochenende in der Stadt zu verbringen. Denn es sind vor allem jene Tage, in denen der beige Sandstein des alten Rathauses und des Doms kontrastiert mit dem blauen Himmel, die Münster besonders schön machen. Und glauben Sie bitte auch nicht diesen Sprüchen, dass es in Münster regne oder die Glocken läuten und Sonntags beides - hier regnet es nicht häufiger als anderenorts. Außer, wenn die Preußen ein Heimspiel haben, aber das ist eine andere Geschichte. Und selbst bei Regen sieht die Stadt irgendwei reizvoll aus: 
Keine Sorge: Sie werden nicht allein sein als Tourist in Münster. Wer in diesen Tagen, vor allem am Wochenende, in der Stadt unterwegs ist, trifft überall Menschen auf Leihfahrrädern, in der Hand halten sie die kleinen Faltplänen, die ihnen ungefähr zeigen sollen, wo die Werke der Skulptur Projekte stehen. Es macht den Reiz dieser Ausstellung aus, dass sich die Besucher trotz der Karten fühlen, wie bei der kindlichen Ostereiersuche. Manches sieht man gar nicht, anderes ist nur mit ein wenig Detektiv-Arbeit zu entdecken. Dann wieder springen einem Dinge sofort ins Auge. Beispiel Mark Wallinger: Er hat einen großen Kreis um die Innenstadt gezogen - bestehend aus Angelschnur in mehreren Metern Höhe. Um die zu sehen braucht es sehr gute Augen. Sehr, sehr gute Augen.
Alle Kunstwerke an einem Tag zu besichtigen - dieser Hoffnung sollte man sich nicht hingeben. Selbst mit dem Fahrrad dürfte das schwer werden. Außer natürlich, man hechelt von Standort zu Standort. Doch gerade das Verweilen ist so unterhaltsam, der Reaktion zufälliger Passanten wegen.
Wer noch nie in Münster war, sollte ein Wochenende kalkulieren, um sich in Ruhe das Gesamtpaket zu gönnen: Skulpturen, Atmosphäre und die üblichen Sehenswürdigkeiten wie Dom und Schloss, vielleicht sogar noch das kleine aber feine Picasso-Museum, das die Stadt einem örtlichen Sammlerpaar verdankt.
Die mehrtägige Variante bietet auch Zeit, um Münsterländische Lebensart zu genießen. Doch, gibt es. Ehrlich. Den samstäglichen Markt auf dem Domplatz, zum Beispiel, mit seiner bemerkenswerten Auswahl an feinsten Lebensmitteln. Wer sich der örtlichen High-Society annähern will, begibt sich danach, gegen Mittag, ins “Markt Café”, an dessen aus Paris importierter Bar schon Marlon Brando gelehnt haben soll. The place to be - auch wenn es außer der Lage keinen Grund gibt, das “Markt Café” in diesen Status zu erheben.
In Sachen Übernachtung, und damit beginnt ja die Planung jedes Wochenendtripps, ist die Situation überschaubar: Wer es gediegen und klassisch mag, wählt das “Schlosshotel Wilkinghege” oder das “Parkhotel Schloss Hohenfeld” - beide etwas außerhalb, dafür in der Nähe der Golfplätze. Im Süden gibt es noch das “Waldhotel Krautkrämer”. Zentral gelegen ist der “Mauritzhof”, der sich selbst “Design-Hotel” nennt und in Münster dieser Bezeichnung sicher am nächsten kommt - doch abgesehen von seiner hübschen Bar ist er nicht mehr als ein modern eingerichtetes Hotel mit guter Lage.
(Nein, das oben ist kein Hotel, sondern der Festivalpavillon der Skulptur Projekte - nur damit wir den Anlass diese Artikels nicht aus den Augen verlieren)
Ebenso übersichtlich ist - und das ist vielleicht das größte Manko der Stadt - die Lage in Sachen “Gute Restaurants”. Im gehobenen Bereich serviert das “Giverny” seit Jahren französische Kost auf ordentlichem Niveau. Und seit dem Umzug kürzlich nun auch in ansprechendem Ambiente. Ebenfalls seit langem eine feste Größe ist der Italiener “Villa Medici”, wo ich selbst allerdings seit langem nicht war. Freunde berichten aber weiter von positiven Erfahrungen. Und dann gibt es noch das romantische “Kleine Restaurant im Oer’schen Hof” mit seiner leider wenig einfallsreichen Karte.
Der Münsteraner kocht halt lieber gemeinsam mit Freunden daheim. Aber muss es immer fein sein? Als Gast in ländlicher Gegend nutzt man die Gelegenheit doch gerne - zumindest die männlichen Reisenden - um die räumliche Nähe zur Landwirtschaft als Ausrede für deftige Hausmannskost zu nutzen. Die wird serviert bei der letzten örtlichen Brauerei “Pinkus-Müller”, die inzwischen auch einen modernen Gastro-Ableger in der Innenstadt hat. Oder wie wäre es mit einem Ausflug in die Erstsemester-Welt? Dann ab in die älteste Studentenkneipe der Stadt, dem “Cavete” oder ins “Blaue Haus”, wo sich die Qualität der hausgemachten Nudeln nicht an filigraner Schlankheit bemisst - sondern an der Dicke. Dazu gibt es Fleischsoße und das Ganze wird mit Bechamel überbacken. Weight-Watchers-Fetischisten warten bitte draußen.
Besser sieht die Essenssituation, auch wenn das merkwürdig klingt, am Tage aus. Dann hat zum Beispiel das wunderbare Bistro der Delikatesshandlung “Holstein” geöffnet. Und die Brasserie des gleichen Hauses in der Einkaufspassage “Münster Arkaden”. Auch das Stammgeschäft ist für Freunde guten Essens eine Pflichtveranstaltung. Für Kunstfreunde sowieso: Dort gibt es einen Skulptur-Projekte-Rucksack für zwei Personen, gefüllt mit Salaten und Huhn und Wein und Picknickausstattung. Preis: 50 Euro.

(Nein, dies ist nicht der örtliche Landmaschinenhandel, sondern Tue Greenforts “Diffuse Einträge” am Rande des Aasees. Nur damit wir nicht vergessen: Hier geht es ja eigentlich um Kunst-Besuche. Im Hintergrund: Das weiße Schwan-Tretboot und, als schwarzer Punkt, Petra, jener in das Tretboot verliebte Schwan, der die Nation kurzzeitig von Knut ablenkte.)
Shoppen kann man in Münster übrigens auch ganz wunderbar. Die großen Marken der Welt gibt es in angenehmsten Ambiente bei “Hasardeur” oder etwas hipper bei “Helga & Horst”, Königsstraße 43. Die Ralph-Lauren-Polo-Hugo-Boss-Fraktion wird bei “Schnitzler” und “Bergmann” bedient. Einen Besuch wert ist auch das Geschäft des Skateboard-Experten “Titus” in einem ehemaligen Kino.
Ach so, ja, Kunst.

38 Objekte listet die Skulptur Projekte 2007 auf, dazu kommen noch die Ankäufe der voran gegangenen Ausstellungen. Was aber sollte man gesehen haben? Eigentlich ist es falsch eine Auswahl zu treffen, lieber sollte man sich überraschen lassen. Einfach ein Rad mieten oder sich per Fuß treiben lassen zu den einzelnen Punkten auf der Karte. Deshalb mögen bitte hier nur die ganz Eiligen weiterlesen zu einer (ersten und sich möglicherweise in den kommenden Wochen noch ändernden) Selektion…
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Noch da? Na gut. Hier also die Must-See-Skulpturen der Skulptur Projekte 2007:
- Guillaum Bijls “Archaelogical Site”: eine Kirche als scheinbare Ausgrabungsstätte
- Tue Greenforts “Diffuse Einträge” - siehe oben
- Isa Genzkens unbetitelte und sich ständige wandelnde Installation an der Überwasserkirche. Krimi-Freunde finden dort auch das Antiquariat, in dem die ZDF-Krimis um den Münsteraner Detektiv Georg Wilsberg spielen. Wer den so richtig kennenlernen will, sollte übrigens besser die sehr unterhaltsamen literarischen Vorlagen von Jürgen Kehrer erwerben, vor allem den Roman “Blutmond
” oder “Wilsberg und die Wiedertäufer”
- Marko Lehankas “Blume für Münster” - der absehbare Publikumsliebling (ebenfalls ganz oben zu sehen)
- Bruce Naumans gewaltige “Square Depression” - der Titel sagt alles
- Thomas Schüttes “Modell für ein Museum” und direkt daneben seine Kirschen
- Andreas Siekmanns “Trickle down” - eine böse Abrechnung mit Stadt-Marketing à la “Künstler bemalen Kühe”
Und dann gibt es noch etwas, was mancher übersehen mag. Denn während der Skulptur Projekte ist auch der Zwinger geöffnet. Er enthält Rebecca Horns “Gegenläufiges Konzert”, entstanden für die Skulptur Projekte 1987. Es ist das vielleicht beeindruckendste Werk in der 30-jährigen Geschichte der Ausstellung, weil es die Wahrnehmung der Besucher verändert und ihnen gleichzeitg die Geschichte des Ortes fass- und vor allem hörbar macht.
Ein weiterer Anwärter auf diesen Titel steht am Aasee: Ilya Kabakovs “Blickst du hinauf und liest die Worte…” Ein Gedicht ist eingewebt in die Antennenkonstruktion. Es endet mit den Worten: “…und das ist vielleicht das Schönste, was Du je gesehen hast.”
Wer pathetisch gestimmt ist, wird das vielleicht auch von Münster sagen.
Fehlt noch was? Vielleicht ja der Katalog zur Vorbereitung? Den können Sie hier ordern:
Das gleiche gilt für den empfehlenswerten Stadtführer “Das Münsterbuch”:
References (1)
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Drei Ausgaben alt ist das neue Layout der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zeit, nochmal

Reader Comments (1)
Ganz aktuell erscheint ein wunderbares Buch über den Münsteraner Marktplatz, beides äußerst sehenswert!
Infos zum Buch: http://www.arcais.de/aldente/