« Da wär ich jetzt gern... | Main | Sommer am Rhein - oder: wenn andere reisen »

Kulturzirkus: Lang Lang kurz kurz

Gestern gabs in der Kulturzeit (die ich liebe! btw: Henryk M. Broder hasst sie) einen Beitrag über den chinesischen Pianisten Lang Lang. Ich hab das Ganze nur mit halben Ohr und einem Auge verfolgt. Aber bei der Gelegenheit hab ich mich daran erinnert, dass ich ihn 2004 im Lincoln Center gesehen gehört habe. Das war noch bevor die Lang Lang-Welle voll nach Deutschland schwappte. Vorläufiger „Höhepunkt“: Sein Auftritt bei „Wetten Dass“ im letzten Oktober mit rotlackiertem Steinway-Flügel. STEINWAY in Capital Letters. PRODUCT PLACEMENT so to say.

Kleine Kostprobe seines eigenwilligen Stils hier:

Damals im Lincoln Center hab ich jedenfalls den Mund nicht mehr zugekriegt. Normalerweise leidet das Klassikpublikum in Manhattan an ganz deutlichen Überalterungserscheinungen. Old Jewish Ladies und WASP-Tattergreise dominieren das Bild bei vielen Aufführungen. Die Jugend fährt nach Brooklyn ins BAM und dann ins Thomas Beisl. Aber das nur nebenbei.

chinese.jpg

An diesem Sonntag nachmittag in New York war es überraschend anders. Ganz Chinatown lief schwer aufgerüscht auf. Oder sagen wir besser: auffällig textilfrei. Und es waren – vor allem für ein Klassikkonzert – wirklich überproportional viele junge Mädchen da. Die Teenies hatten sich in Push-up-Bras, nabelfreie Tops, den kürzestmöglichen Mini und die höchstmöglichen Schuhe geworfen, der Lidstrich so dick wie die schwarzen Tasten auf dem Klavier, die Hochglanz-Lippen auf Candy-Babe geschminkt.

In der Reihe neben mir das Kontrastprogramm. Hektisch quetscht sich ein Ehepaar aus dem Pfälzischen auf den Seitenbalkon. Figürlich ähnlich birnig wie ein anderer berühmter Pfälzer. Stolzfroh, weil ihnen der Concierge ihres Midtown-Mittelklasse-Hotels ‚noch ein paar schöne Konzertkarten’ besorgt hatte. Auf den letzten Drücker.

Hat noch geklappt. Gerade so. Toll. Hinsetzen. Verschnaufen. Verwirrung.

Sie zeigt mit spitzem pinkgelacktem Finger, aufgeregt armreifkettenrasselnd auf die Bühne und ruft:

„Guck mal! Alles Schiiiiiiiiiiiiiiinesen!“ und wendet sich busenbebend, ansteckblumenraschelnd an ihren Gatten: „Können die sich hier kein ordentliches Orchester mehr leisten?“ Enttäuschter Flunsch.

„Die sind wahrscheinlich billiger. Muss nicht schlechter sein. Jetzt warts erstmal ab“ sagt er.

Lang Lang wirft sich mit vollem Körpereinsatz in die Tasten. Das chinesische Staatsorchester spielt sich die Seele aus dem Leib. Langs Übungsklavier zu Hause sieht garantiert so aus:

piano.jpg

Lang Lang schmalzt, das Publikum schmilzt. Den Vortrag garniert er mit kleinen Anekdoten. Jedes Legato verlinkt er mit Schwurbelschwung mit einer weiteren Arabeske.

 

Irgendwie kitschig, aber very american. Und der Typ ist irgendwie mitreissend extrovertiert. Am Ende fällt er dem Dirigenten um den Hals und beklatscht sein Publikum. Zum Dank gibt’s Stehende Ovationen und: Gekreische. Echtes Gekreische. Hysterisch. Wie beim Popkonzert. Und den Pfälzern gefällts auch. „Siehste“, sagt er, „die können was, die Chinesen. Sind fleissig. Üben einfach mehr.“

Um auf die Kulturzeit zurückzukommen: Der Bericht war durchaus kritisch. Der Pianist sei der „Knut des Klassikbetriebs“ wurde die FAZ oder das Kulturmagazin Aspekte zitiert, weiss ich nicht mehr genau. So nach dem Motto: Alle gehen hin, mal gucken wie der so ist, weil der Typ ist ja zum Knuddeln. So wie Eisbär Knut. Ich finde, er sieht aus wie ein Monchhichi. Blogger würden sagen: Der ix der Klassik.

Mal abgesehen vom Aussehen: Er verhält sich wie Robbie Williams. Und er verfällt wie Robbie Williams. Irgendwann wird er nur noch ein Abziehbild seiner Selbst sein und der Kulturzirkus spuckt ihn angewidert aus wie einen zu lange gekauten Kaugummi. Enthusiasten brennen aus. Werden ausgenutzt, ausgebrannt, vom Apparat drumrum, der daran prächtig mitverdient. Und dem es egal ist, wenn die Karriere kurz ist. Hauptsache, der Reibach ist gemacht. Roy Black, Rex Guildo, Lang Lang. Es dauert nicht mehr lang. Wetten dass?

 

 

 

 

 

 

Posted on Mittwoch, Juli 18, 2007 by Registered CommenterKatja Marjan in , , | Comments1 Comment | References1 Reference

PrintView Printer Friendly Version

References (1)

References allow you to track sources for this article, as well as articles that were written in response to this article.
  • Response
    Response: laminaat
    Goedkoop laminaat vind je hier

Reader Comments (1)

Guter Artikel mit sehr überraschendem Ende. Man erwartet den Austieg von Lang Lang in den Pianistenhimmel - und dann - soll er wohlmöglich schon auf dem absterbenden Ast sein!? Schade, aber eine schöne Geschichte :-)

Juli 19, 2007 | Unregistered CommenterIngo Marjan

PostPost a New Comment

Enter your information below to add a new comment.

My response is on my own website »
Author Email (optional):
Author URL (optional):
Post:
 
Some HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>