"Pastis", New York: Wo Bertelsmänner frühstücken
“Von Erwägungen und Plänen” sei er “sichtlich bewegt gewesen”, der neue Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski. So berichtet es Klaus Boldt, der spitze Medien-Beschreiber des “Manager Magazins” in der Dezember-Ausgabe. Dann habe er die Gabel mit den Zinken nach unten gelegt und sei mit der Zungenspitze an einem Zahn entlang gefahren. Schließlich beugte er sich dann “ein wenig nach vorne und sagte, die Rechte auf der Tischkante, die Linke mit dem Ellenbogen nach außen auf den Oberschenkel gestützt, nach allen Seiten sichernd, als wolle er niemand teilhaben lassen an dieser Neuigkeit als sein Gegenüber und den Himmel allein: Die Dinge ständen gut, ja sie ständen vortrefflich.” Anschließend habe er ein wenig Ketchup neben seine Eggs Benedict geschüttelt und seinen Blick wandern lassen durch das von morgendlichen Müßiggängern besetzte Bistro “Pastis” im New Yorker Meatpacking District.
Sich vorzustellen, dass dem Vorstandschef eines Unternehmens, dass sich nicht wandeln mag, das “Pastis” gut gefällt, ist nicht schwer. Denn jener Hort der francophilen Kultur ist der perfekte Platz um sich einzureden, das alles gut werde. Dass die Dinge nicht so hektisch sind, wie man manchmal glauben mag. Dass es zwar voran geht - aber eben gemessenen Fortschrittes. Eigentlich also ist das Pastis ein Stück Gütersloh in New York - nur eben schöner und geschmackvoller.
Innen ist das “Pastis” so französisch, dass es fast weh tut. Weil es selbst in Paris nicht so viele Läden gibt, die so gepflegt und traditionsreich sind. Ohne Muff und doch historisch, zugleich licht und hell und ausgestattet mit Bistro-Stühlen, an denen selbst länger gewachsene Gäste rückenschmerzfrei sitzen. Vielleicht kann nur ein Nicht-Franzose diese Balance finden: Der Gründer des Lokals heißt Keith McNally. 
Wer nun auf dessen Terrasse sitzt, der bekommt jene Mischung aus Tradition und Fortschritt geboten, die den Meatpacking District so spannend macht: Am einen Tisch verspeisen dürre Models gerade einmal Spurenelemente ihres Mahls, dann ziehen ein paar Kreative des Wegs, ein Oldtimer rollt über das Kopfsteinpflaster, gegenüber, im Design-Hotel “Gansevoort” werden liquiden Gästen die Louis-Vuitton-Koffern hineingetragen. Die Zukunft ist präsent, doch sie bewegt sich in hochhackigen Tippelschritten. Ach ja, natürlich, die erfolgreichste Wirtschaftsförderungsmaßnahme für den New Yorker Einzelhandel und die Gastronomie war auch schon hier: In einer Folge von “Sex and the City” speisten hier Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen. 
Wie schön wäre es, könnte ich auch so elegisch über das Essen im “Pastis” schreiben. Geht aber nicht. Denn bei unserem mittäglichen Besuch erweist sich die Küche als bestenfalls mittelmäßig. Die Austern sind - leider typisch amerikanisch - von jedem Hauch Salzwasser befreit, eventuell sogar mit Klarwasser gespült worden. Den Salat Nicoise haben wir selbst in New York schon besser gehabt. Das Steak Tartare erreichte nicht die Qualität des Hamburger “Paris”, der Burger war in Ordnung. Hübsch ist die Idee, die Pommes Frites in einer Papierrolle hochgestellt zu servieren - leider aber waren die Kartofelsticks zu dünn und zu lang im Fett.
So ist das “Pastis” ein schöner Ort um im Sommer einen Kaffee oder Pastis zu trinken., vielleicht auch ein Weinchen. Um ein wenig zu gucken, zu grübeln und zu parlieren. Essen aber lässt sich um die Ecke deutlich besser. Aber vielleicht sind wir ja auch zu verwöhnt - wer ständig im Bertelsmann-eigenen “Parkhotel” in Gütersloh speisen muss, der sieht das vielleicht anders.


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