"Facil", Berlin: Die Leichtigkeit der Jugend
Irgendwann, in ein paar Jahren, können wir richtig strunzen. Dann werden wir beisammen sitzen in fröhlicher Runde und über Essen und Ausgehen reden. Sicherlich wird dann jemand den Namen Michael Kempf fallen lassen. “Hach, da müsste man mal essen - drei Sterne!”, wird es dann heißen. Und dass sein neues Kochbuch so toll sei. “Habt Ihr seine Kochsendung gesehen? Klasse”, ergänzt noch jemand. 
Und wir? Wir nehmen noch einen Schluck Rotwein, lächeln mitleidig und werfen ein: “Ach, beim Kempf haben wir schon gegessen, da hatte der noch einen Stern und kaum jemand kannte ihn.”
Die Gruppe schweigt erstaunt. “Und”, fragt jemand etwas leiser, “wie war es?”
Wir verdrehn schwärmerisch die Augen, nippen noch einmal am Wein und seufzen:
“Himmlisch!”
Seit ein paar Wochen ist der Name Kempf zumindest in den Kreisen geübter Sterne-Esser ein etwas bekannterer Name. “Aufsteiger des Jahres” ist er laut Gault Millau, einen Stern hat er auch schon - und das mit gerade einmal 30 Jahren. Gelernt hat er bei Dieter Müller, den wir auch gerne “Gott” nennen. Der neue Titel dürfte die Vorreservierungszeiten im “Facil”, der Kochstatt Kempfs auf dem Potsdamer Platz in Berlin, noch weiter in die Länge ziehen. Schon jetzt ist es zumindest am Wochenende nicht ganz einfach, einen Tisch zu bekommen. Wir rutschten über die Warteliste rein, äußerst freundlich wird diese gemanaged. Und E-Mail-Reservierungen sind auch kein Problem - sehr lobenswert.

Schlicht ist der Eingang zum “Facil”, das zum “Mandala Hotel” gehört. Alles ist hier kühler Marmor, überall plätschern Wasserfälle. Auch das Restaurant entspricht nicht dem Vorurteil des plüschigen Sterne-Ladens. Gott sei Dank, wir können rote Teppiche mit Flecken-sieht-man-hier-nicht-so-leicht-Muster und gepolsterte Holzstühle in Mittelbraun nicht mehr ertragen. 
Das “Facil” kommt fast asiatisch daher. Ein viereckiger Glasaufbau im Innenhof des Hotels, sehr licht im Sommer. Im Winter fällt dagegen kaum auf, dass es zwar eine Terrasse gibt - aber keine Aussicht. Der Raum ist offen und nicht unterteilt, hier wird metropolig geguckt und gesehen. Die Karte ist klein, wir wählen das Menu, das es in fünf oder sieben Gängen gibt. Hat einer der regelmäßigen Leser hier ernsthaft geglaubt, wir würden uns für die Fünf-Gang-Version entscheiden?
Aus der offenen Küche am Eingang folgt dann innerhalb von rund vier Stunden eine Abfolge innovativer aber nicht überdrehter Gerichte, alle von höchster Qualität. Kempf bevorzugt mediterrane Zutaten, zum Beispiel Stör aus Italien oder Gambas aus Portugal. Und die variiert er mit ungewöhnlichen Zutaten, ohne dass man den Eindruck hätte, er innoviere um des Innovierens willen.

Der Stör zum Beispiel kommt mit Schwertmuschel und Kohlrabi-Creme. Mein persönlicher Höhepunkt ist der Rücken vom schwarzen Iberico-Schwein mit Saibling-Kaviar, doch auch das Wagyu-Rind (butterzart, wie es zu sein hat) mit Kürbis-Mousse schmeckt zum Niederknien. Mit eher Klassischem hat die Küche auch keine Probleme: Die Foie Gras mit Quitten-Variationen ist perfekt. 
Als Dessert schließt ein Mandel-Kirschtörtchen mit Ziegenkäse-Eis den Abend ab. 120 Euro für die Sieben Gänge - ein angemessener Preis. Der Service? Jung und freundlich. Und dass ein Sommelier sich sichtlich freut, wenn der Wein schmeckt, dass erlebt man leider zu selten.
Selbst der eisige Hauptstadtregen kurz nach Mitternacht kann uns nach diesem wärmenden Erlebnis nicht mehr viel anhaben. Denn wir sind uns sicher: Wir haben einen kommenden Kochstar am Werk erlebt. Wenn Kempf so weitermacht, dann ist der eine Stern nur der Anfang - es wird noch viel, viel weiter gehen. Und eines Tages werden wir mit Freunden beisammen sitzen und strunzen: “Ach, Kempf? Bei dem waren wir schon vor Jahren…”
Facil (Mandala Hotel)
Potsdamer Str. 3
10785 Berlin

Reader Comments (1)
Hi,
fein, fein........ja, das Facil gehört mit zum Besten in Berlin. Stimmungsvolle Photos und lesenwerte Reportage.
Grüße,
Martin
www.berlinkitchen.com