"Grill Royal", Berlin: Treffpunkt der medialen Dienstleistungs-Masochisten
Zwei Tische weiter sitzt Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner. Drei Tische weiter Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski im Kreise seiner Investoren. Hinter uns einer der Gründer des angesagten finnischen Startups Dopplr mit Freunden. Und quer durch den Raum Gesichter, die wir schon mal irgendwo gesehen haben – nur woher? Ja, doch, das „Grill Royal“ ist der Hotspot der Berliner Medienszene, das Edel-Steakhaus unter den Edel-Steakhäusern. Und Fleisch lieben die Mitglieder der Branche, die sich gerne als Haifischbecken sieht. 
Dass aber gerade das „Grill Royal“ so hoch in der Beliebtheitsskala liegt, beweist vor allem eines: Medienmenschen legen keinerlei Wert auf Service, mehr noch – hundsmiserabler Service geht ihnen am Iphone vorbei. Vielleicht mögen sie es ja auch von heillos überforderten Kellnern bedient zu werden? Verleiht es den Medialen etwa ein Gefühl der Überlegenheit? Ich weiß es nicht. Sicher ist nur: Das „Grill Royal“ untertrifft in Sachen Bedienung sogar unsere Erfahrungen aus dem „Basil’s“ in Düsseldorf.
Zehn Menschen saßen an unserem Tisch, und wir waren durchaus bereit, eine gewisse serviererische Überforderung zu akzeptieren. Über längere Zeit, während die ersten der Gruppe auf das Eintreffen der anderen warteten, nicht nach Getränken gefragt zu werden, ist aber dann doch erstaunlich, schließlich ist der große Saal zum Ziel der Gewinnerbringung so angenehm unaufgeregt eingerichtet worden. Die Glaswand mit Blick in die Küche und die offenen Kühlschränke mit den Fleischwaren waren sicher auch nicht billig – das muss doch wieder reinkommen. 
Endlich konnten wir ordern, nachdem wir den für uns zuständigen Herren derart an der Weste gezupft hatten, dass es bei einem strengen Schiedsrichter zur gelben Karte gereicht hätte. Acht der zehn unseres Trüppchens bestellten Fleisch als Modellbauset. Das „Grill Royal“ bietet eine Tageskarte, eine Hand voll Fischgerichte und ein paar Salate. Doch wer hierher kommt, der will meist medium gehaltenes totes Rind in größeren Portionen. Entrecote aus Frankreich, Roastbeef aus Irland und Filet aus Argentinien gibt es, jeweils 250 oder 350 Gramm schwer. Dazu werden kleine Saucentöpfchen gereicht, zum Beispiel mit der sehr gelungenen, hausgemachten Barbeque-Sauce. Außerdem können weitere Saucen gegen Aufpreis geordert werden. Als Beilagen gibt es übliche Verdächtige wie Pommes Alumette und ungewöhnlichere Begleiter wie gebratenen grünen Spargel.

Das Fleisch, um das Positive vorwegzunehmen, ist perfekt. Wunderbar rot-rosig, saftig – das bei 350 Gramm hinzubekommen, ist keine alltägliche Leistung. Die Desserts übrigens waren gemischt: Der lauwarme Schoko-Gateau, der hier profan Kuchen genannt wird, war hervorragend, die Crème Brulée eher mittelmäßg.
Die Preise sind angemessen: Das große Filet kostet 36 Euro ohne Beilagen, was unseren Mitesser aus London jubeln ließ: „In London hätte ich dafür 70 Pfund bezahlt – I love Berlin!“ Allein: Wir hätten das Rind auch gern mit den von uns bestellten Beilagen genossen. Von den acht bestellten Kombinationen waren sieben falsch. Obwohl der hektische Kellner – kein Anfänger, angesichts seines Alters von mindestens Ende 40 – doch ein Tischskizze gemalt und darauf die Order eingetragen hatte. Die Beilagen konnten die Qualität des Fleischs auch nicht immer halten, meine Pommes Allumettes beispielsweise waren strohtrocken.
Wer Wein ordert, sollte im „Grill Royal“ vorsichtig sein. Zum einen gibt es eine alleinige Karte für 1,5-Liter-Flaschen – mancher könnte das übersehen und sich dann über die Flaschengröße wundern. Die reguläre Karte listet viele Franzosen, ein paar Deutsche und eine Hand voll Italiener. Leider gibt es unter den roten keine Spanier und keine Südafrikaner, die doch perfekt zu Steak passen würden.

Wir entschieden uns für eine Flasche Blauschiefer Spätburgunder von Meyer Näkel – und damit begann der Ärger. Unser Fehler: Wir orderten „Einmal den Blauschiefer, bitte.“ Der Kellern erschien mit einer Flasche, die er kurz zeigte und dann zu öffnen begann. In diesem kurzen Moment sah ich gerade noch ein französisches Wort und da das Gebiet um die Ahr, die Heimat von Meyer Näkel, noch nicht an die Grande Nation abgetreten wurde, bremste ich den Öffnungsprozess. Ergebnis: Es war ein Wein aus dem Languedoc. Als nächstes trug der Ober, besser: der Unter, eine Flasche heran, die Blauschiefer enthielt, allerdings vom Weingut Dr. Loosen. Einen Moment zweifelte ich und murmelte „Dr. Loosen… War das nicht…“ – schon landete ein Probierschluck in meinem Glas. Er war weiß. „Entschuldigung, aber ich bin mir sicher, ich habe einen Wein aus der Rotweinliste bestellt“, merkte ich an. Der Unter holte die Weinkarte und bei deren Studium war ihm deutlich anzumerken, dass er sie zum ersten Mal vor Augen hatte. Ein Kollege musste ihm dann den Weg zur richtigen Flasche weisen.
Den Wein eingießen, das mussten wir dann auch selber. Ebenso mussten wir auf Besuche des Kellners lauern, um Wasser zu ordern. Ein gutes Weizenbier dauert im „Grill Royal“ 40 Minuten, nach einer zweiten Flasche Wein wurden wir nicht gefragt. 
Einen neuen Höhe-, pardon, Tiefpunkt erreichte das Dienstleistungsdesaster, als zwei der Gäste am Tisch gehen wollten:
„Können wir unsere Rechnung haben?“
„Nur Ihre?“
„Ja“
„Wie soll ich das machen?“
„Das ist nicht unser Problem. Wie sollen wir denn zahlen? Eine große Rechnung und dann teilen, oder was?“
„Ja.“
Irgendwie war das Unmöglich doch möglich zu machen, die beiden erhielten eine separate Rechnung. Wir wagten dann später den Versuch mit zwei Kreditkarten zu zahlen. Auf die eine sollte ein größerer, auf die zweite ein kleinerer Betrag gebucht werden. Auch das aber war so nicht möglich: Herr Unter erklärte, er müsse erst Positionen auf der Rechnung finden, die dem ungefähren Wert entsprechen, die werde er dann für den kleineren Betrag runterbuchen.

Wahlweise kopfschüttelnd, belustigt oder entsetzt verließen wir schließlich das „Grill Royal“. Abgesehen vom guten Fleisch kann man nur zwei Dinge positiv anmerken: Es gibt keine überlaute Musik, was die Atmosphäre deutlich angenehmer macht. Und das Konzept wird konsquent durchgehalten: An der Garderobe waren unsere Mäntel falsch aufgehängt worden und mit Hilfe der Garderobenmarken nicht mehr auffindbar. Wir haben dann selber gesucht.
Unsere Videokritikern Zoe Adamovicz mochte sich nicht einmal für das Essen begeistern:
Link: sevenload.com
Grill Royal
Friedrichstr. 105b
10117 Berlin


Reader Comments (8)
Der Artikel ist ein wenig lang, liest sich gut und polarisiert natürlich. Wie sonst soll man in der Medienszene das knappe Gut Aufmerksamkeit zu sich holen? Ich ärgere mich über den Artikel und auf der anderen Seite bin ich ganz froh. Ich ärgere mich, weil ich die lustigsten Abende im Grill Royal hatte, was unter anderem an dem extrem gut gelaunten und so schön souveränen Personal lag und freu mich natürlich, denn wenn viele Menschen diesen Artikel lesen, kriege ich vielleicht doch heute noch einen Tisch. Befor you go to rio reserviert nochmal im Grill und achtet darauf, dass ihr auf eine der dort agierenden Damen im Service stosst.
Die beste Gastgeberin Berlins,
"die gute Laune Verbreiterin zwischen den Tischen". Zum Glück hatte ich ein völlig anderes Erlebnis im Grill. Ich komme zwar aus München (Ich höre schon das stöhnen,..;-) doch ein Abend wie im Grill konnte ich nur in Berlin erleben. Ich habe köstlich gegessen und mich geistreich amüsiert,...dank der Kellnerin Claudia und Kollegen. Gutes Essen und Service hängt nicht ab von der Garderobe oder der Rechnung wie ich lesen musste sondern am Erlebnis der Sinne. Mich befriedigt keine Quittung für die Spesenabrechnung und auch keine ergebene Tablettschleuder,... doch einen Abend deshalb nicht zu vergessen weil er außergewöhnlich war ist es mir wert.
Gruß aus München,
Rudolf Hoffmann
Im letzten halben Jahr war ich ungefähr fünf Mal im Grill Royal, kann also eine gewisse Erfahrung in die Beurteilung einbringen. Es ist wahr, dass in der Servicelandschaft eine gewisse Neigung zur Qualitätsvolatilität herrscht. Aber es ist ja auch sehr schwer, heute gutes Personal usw. usf. Insofern ist das Grill Royal in der Tat nichts für Menschen, die nicht wissen, dass in Service in Berlin generell anders verstanden wird. Die erste Pflicht von "Ersten Läden" - und das glauben viele Läden von sich - ist es, dem Kunden eben diese Eigenschaft zu vermitteln. Ist das Personal zu freundlich, zweifelt man schnell daran, dass man es WIRKLICH mit einem Premiumladen zu tun hat, nach dem Motto "Wie, die müssen freundlich sein? Läuft der Laden nicht gut?".
Das aber nur nebenbei, denn für mich ist der wichtigste Punkt das Fleisch - und das war super, jedes einzelne Mal. Besseres und besser zubereitetes habe ich bis jetzt nur in Argentinien selbst gegessen. An Beilagen kann ich mich nie länger als einen Tag lang erinnern, wenn sie nicht widerwärtig geschmeckt haben, haben sie also nicht, bisher. Klein sind die Portionen ebenfalls nicht, die Creme Brulee gestern war suppentellergross und -tief. Nicht mal Herr Schwenzel hat sich über die Grösse des Nachtischs beschwert, das tut er sonst immer.
Die Prominentensituation ist borchardtesque, ausser gestern, da gab es eine rätselhafte vollständige Abwesenheit von galarelevanten Personen. Wurde eventuell irgendwo anders zeitgleich die Eröffnung einer Thunfischdose gefeiert?
Für Berliner Verhältnisse ist der Laden übrigens teuer, ziemlich teuer, sehr teuer, überteuer. Teuer, teuer, teuer, aber ich zahle ab und zu sehr gern 36 Euro für ein Steak, gibt es mir doch die Möglichkeit, mich kurz wohlhabend zu fühlen.
Eine Anekdote zum Schluss: Als ich vor vier Wochen mit einem Freund dorthinkam und nicht reserviert hatte, wurde uns gesagt, dass leider kein Tisch für zwei mehr frei sei. Ich fragte eher aus Scherz "Sicher nicht? Dabei habe ich beim letzten Mal ein bizarr grosses Trinkgeld gegeben." Kurzes Augenrollen, dann wurden wir zu einem freien Tisch geführt.
weil du mich per mail gefragt hast, ausnahmsweise einen manueller trackback.
Spannend. Ich war im Oktober das letzte Mal da. Ich fands unglaublich. Der ganze Laden ist rund und schön und grossartig, will unterhalten und mitmischen. Gelingt nicht immer, muss auch nicht. Dem Kellner an der Weste zupfen-muss man gar nicht. Wirft man ebend noch einen Blick durchs Restaurant und geniesst die Kulisse. Oder den Blick auf die Kellnerinnen. Die soviel Erfahrung ausstrahlen, dass sie der Laden eher zu amüsieren als zu stressen scheint. Châpeau.
Auch wir haben den Savignyplatz für einen Abend verlassen, um uns ins finstere Mitte hervorzuwagen. Man hatte ja so allerhand gehört und gelesen.
Und unterhaltsam. Meine Frau haute mir zwar immer wieder ihre Schuhspitze an mein Schienbein, wenn ich der Kellnerin noch etwas aus meinem Leben erzählte und zischte, das sein nicht meine Therapeutin, aber eigentlich hat sie es auch sehr genossen. Frauen halten zusammen.
Der Grappa, meine liebe Kellnerin, der Grappa war scharf. Und meine Bemerkung, was es dann zu Hause gäbe, wenn der Grappa schon nicht scharf ist, die war der doppelten Menge geschuldet. Ich weiss, ich hab ihn so bestellt. Aber mich nimmt doch sonst keiner ernst.
Aber darüber reden wir beim nächsten Mal. Wir kommen wieder - keine Frage.
Sorry, aber der Grill Royal ist der letzte Scheißladen, mal abgesehen vom miserablen Service – der sogar für Berlin ausgesprochen schlecht ist. Absolutes Highlight: Fünf Minuten nachdem ich meine Auster bekommen hatte, schleicht der Kellner mit dem Brot an, schaut pikiert und sagt: „Ach, Sie sind schon fertig mit der Vorspeise? Ich dachte, das mit dem Brot hat noch etwas Zeit“.
Eine (!) Auster (!!!). Es heißt ja wohl Austern „schlürfen“ – und nicht „lutschen“!!! Wir haben uns jedenfalls herrlich amüsiert über so viel geballte Unfähigkeit.
Mein Fazit nach vier Stunden Wartezeit und drei mäßig schmackhaften Gängen: Langweiliger Salat mit laschem Gemüse, Artischocke mit Fertig-Dressing, Risotto mit Tintenfischfarbe (was immer das ist) und Blattgold. Die Kreation sah aus wie ein goldener Taubenschiss auf braunem Kuhfladen, die Optik so abstoßend, dass ich das Ganze trotz Heißhungers nicht herunterbekam.
Das alles wäre noch zu verzeihen gewesen, wenn der Grill (!) jedenfalls mit ordentlichem Fleisch aufwarten könnte, aber mein Argentinisches Roastbeef war sehnig – und ich wurde vorher noch nicht einmal gefragt, wie ich es gebraten haben möchte – wirklich dilettantisch!
Der Käse war nicht wie großspurig angekündigt „vom Käsewagen“, sondern beschränkte sich auf wenige handelsübliche Sorten aus der Küche. Brot musste ich zusätzlich erbitten. Und ich hatte dann auch wenig Lust auszuprobieren, was der Koch mit Wagyu-Rind und Hummer so anstellt. Da war definitiv ein Anfänger am Werk.
Mir geht es unglaublich auf die Nerven, dass jeder in diesen Laden rennt – nur weil da ein paar Promis rumsitzen. Die findet man auch im San Nicci (dem Ableger vom Borchardt) auf der anderen Spreeseite beim Bahnhof Friedrichstraße. Das Essen ist zwar auch da nicht der Knüller, aber immerhin ist es genießbar. Und vom Koch bis zur Garderobenfrau wissen alle, was ihr Job ist!!!
Ich hatte auch mal kurzzeitig als Koch gearbeitet und ich finde, dass das Essen einfach nur so auf den Teller hingeklatscht wurde. Ich kann mir aber dazu keine Meinung bilden weil ich selbst noch nicht dort war. Muß ich mir beim nächsten Berlin Besuch einfach mal merken und dann werde ich diese Lokalität auch einmal antesten. Habe dieses Thema mal in meine Favoriten aufgenommen damit ich das schnell wieder finden kann.
Gruß
Briefkasten Michael