"Hitgeheim Lodge", Südafrika: Daheim bei Archie
Und dann saßen wir auf der Veranda, oben am Berg, nippten am Roibos-Tee und blickten über unsere Ländereien im Sundays River Valley. Direkt unter uns die Koppeln mit den Straußen und den Kudu-Büffeln, ein paar Antilopen daneben. Weiter unten Apfelbäume. “Hach, schön ist es, als Farmbesitzer in Südafrika.”
Na gut, zugegeben: Es waren nicht unsere Ländereien. Aber so einen Moment lang wird man doch imaginieren dürfen, oder?
Das fällt leicht, bewohnt man für ein paar Tage eine der Hütten der “Hitgeheim Lodge” in der Nähe des Addo Elephant Parks. Der Addo ist der bequeme Ausweg, möchte man nach dem Befahren der Garden Route noch Tiere gucken. Dann ist kein Flug nötig, wie zum Krüger-Park oder gar nach Namibia. Doch es gibt auch mehr zu schauen, als in den Mini-Game-Reserves nahe Kapstadt.
Für Afrika-Novizen muss man dieses System auch nochmal erklären - alle anderen mögen ein Stück weiter unten fortfahren. Es gibt Nationalparks und Game Reserves. In Nationalparks bewegen sich die Tiere über eine weite Fläche, was zur Folge hat, dass es keine Garantie gibt, sie zu sehen. In den Nationalparks kann man in der Regel mit dem Mietwagen herumfahren. Das bringt aber nicht ganz so viel, denn die Ranger wissen viel besser wann und wo welche Tiere zu finden sind. Deshalb ist es effizienter auch die Nationalparks in den Kleingruppen-Geländewagen zu befahren.
Game Reserves dagegen sind in privater Hand und oft an Nationalparks angedockt. Sie kaufen Tiere an und halten sie auf großer Fläche pseudofrei. Also so eine Art Nordkorea mit Essen. Es gibt meist eine Umzäunung um das gesamte Gelände und einen separaten Bereich, in dem sich die Löwen tummeln. Die Löwen und ihre laufenden Mahlzeiten, um genau zu sein. Jede Gazelle, jeder Springbock in diesem Feld trägt den gleichen Spitznamen: Lions Dinner. Weil Game Reserves im Unterhalt teuer sind, ist auch der Aufenthalt in den zu ihnen gehörenden Unterkünften oft teuer. Ein paar davon hatten wir ja früher schon mal hier beschrieben.
Wer gen Addo reist, findet relativ wenige solche Edel-Unterkünfte. Das liegt wohl daran, dass der Park noch wächst, besser: gewachsen wird. Die südafrikanische Regierung baut ihn weiter aus, vielleicht, weil die Elefanten-Population im Krüger solche Ausmaße angenommen hat, dass ernsthaft überlegt wird, sie per Abschuss zu regulieren - Keulung auf südafrikanisch. Eine Lösung wäre da die Umsiedlung in den Addo.
In der Nähe des Parks liegt aber jener Ort, von dem wir hier schwärmen möchten: die “Hitgeheim Lodge”. Ein Tipp von Freunden war sie, versehen mit dem Hinweis “Grüßt Archie”. Ein Satz, den wir mehrmals hörten. Denn Archie, scheint es, kennt jeder. So vergaßen wir bei der Abreise in unserer vorgelagerten Unterkunft, der “Lilly Pond Lodge”, den Schlüssel abzugeben. Umdrehen? Nicht nötig. “Ach, Sie fahren zur Hitgeheim? Dann geben Sie den Schlüssel Archies Frau. Und grüßen Sie Archie!” In Kapstadt stellte ein Freund uns den langjährigen Macher von Kapstadt.com vor. “Ihr habt die Hitgeheim gebucht? Grüßt Archie!”
Archie, so scheint es, ist eine Art Pate der Garden Route. Und ein Erlebnis. Typisch burisch schaut er aus. Keine 1,80 groß, mit breiten Schultern und kantigem Schädel. Der Junior leitet seine riesige Farm, er und seine Frau und bewirten die Gäste in den sieben kleinen Häuschen, alle Reetdach-gedeckt und mit dunklen Kolonialmöbeln ausgestattet.
Die Geschichten um Archie sind Legion. Und wer sich ein wenige mit ihm unterhält kann seine eigene erzählen. Gelegenheit gibt es vor dem Dinner. Das wird pünktlich eingenommen, Drinks um 17.30, Essen um sechs, Zu-spät-Kommen ungern gesehen. Und vor dem Dinner, einem gesetzten Menü von ordentlicher Qualität, steigt der Gast mit Archie hinab in seinen Weinkeller. Weißweine, “da hab ich das übliche”, sagt der Hausherr. “Aber die Roten liegen mir am Herzen. Da kaufe ich nur, was mir schmeckt.” Und zu jedem Roten - die Auswahl zeugt von Geschmack - kann er deshalb auch fachmännisch Auskunft geben. Vielleicht erzählt er dann sogar von der Zeit der Apartheid, auch damals schon gab es die Hitgeheim-Farm. Im Winter, wenn es kalt war, schickte Archie einen der Bediensteten am Morgen zu seinem Auto - den Sitz durch Besetzen vorwärmen. Das erzählt er beiläufig, so waren die Zeiten damals eben, machste nix dran.
Heute ist Archie einfach Chef auf der Farm. Unbestritten, aber ohne Rassismus. Als ein kleines Kind von Gästen nicht schlafen mag, ruft er eine der Hausangestellten und beordert sie zum kleinen Schreihals. “Sie hat schon meine Söhne ruhig bekommen”, erklärt er und gibt der Dame an: “Kümmer Dich um das Kind, als wäre es meins.” Bald kehrt Ruhe ein.
Archie und seine Leute kümmern sich auch um das, weswegen all die Menschen kommen: die Tiere. Ein paar hält er selbst - als Schlachtvieh. Und es ist wohl auch so eine Archie-Geschichte, dass sie nicht alle gekauft oder gezüchtet sind. Angeblich reicht es manchmal nachts ein Gatter aufzulassen und Futter hinzustellen, um die eine oder andere Antilope zu locken.
Die “Hitgeheim Lodge” arbeitet mit verschiedenen Game Reserves zusammen. Von allen Seiten empfohlen wird aber die Tagestour mit dem Schotia Game Reserve. Am Morgen geht es dann in den Addo. Und es soll niemand, der nie zuvor in Afrika war, sagen, ihm raube es nicht ein wenig den Atem, wenn eine Herde Elefanten in Sicht kommt. Nicht fünf, sechs Tiere, nein, 20, 30, junge, alte, versammelt an einem Wasserloch. Auch hier der Vorteil, ist man mit einem Ranger unterwegs: Er liest, wohin sich die Tiere bewegen und postiert den Wagen entsprechend. Keine fünf Meter von uns überquert ein mächtiger Bulle die Straße, taucht seinen Rüssel in den Staub und bläst diesen hautpflegend über seinen Körper.
Etwas anders als Elefanten und Warzenschweine gibt es für den normalen Touristen aber im Addo nicht zu sehen. Und deshalb geht es nach dem vernachlässigenswerten Mittagessen ins Schotia. Für erfahrene Südafrika-Touristen, wenig aufregend. Für Neulinge wie uns aber eine spannende Sache. Denn abgesehen vom Löwen-Revier fallen Zäune nicht ins Auge. Es ist fast wie in der freien Wildbahn. Nur mit mehr Tieren, als man dort erblicken würde: Gnus, Springböcke, Giraffen, Kudus, Antilopen, ein Nashorn, Warzenschweine… Nur Aussteigen, das geht leider nicht. Man sitzt in einer Art Klein-Lastwagen mit Dach und großen Fenstern oder ganz ohne Seitenwände.
Auch in einem Game Reserve ist Tiersichtung aber nicht garantiert. Den männlichen Löwen des Schotia erblicken wir, trotz ausgiebiger Suche der drei Ranger-Wagen, nicht. Wie bei einer Großwildjagd kreisen sie immer wieder durch das Gelände, Frau Löwin und die drei einjährigen begegnen uns dabei häufig. Der Herr im Haus aber hat keine Lust auf den einsetzenden Regen.
Der Tag endet bei einem Lagerfeuer-Essen - und mit einem so atemberaubenden Sonnenuntergang, dass sogar die Ranger zur Kamera greifen.
Der Regen erwischt uns auch am folgenden Tag. Heftiger Regen. Sturzbachregen. Ängstlich blicken wir am Abend die Schotterpiste hinab, die uns hierher führte. Allein die Wegbeschreibung auf der Hitgeheim liefert einen Eindruck:
“Turn right at 4-way stop in Kirkwood. After 20km’s, cross railway line, pass Sundays River Primary School / Cosmos Cuisine, then 1km further turn right at sign onto gravel road - after 800m turn left and first to the right - follow road across Sundays River onto farm and follow signs to Hitgeheim Country Lodge.”
Steil ist der Weg, ruckelig und schlaglochreich. Auf eben einem solchen Weg waren wir in Vietnam einst in strömendem Regen fast gescheitert, fürchteten unseren Flug zu verpassen. Deshalb die angstvolle Frage an Archie, ob wir uns Sorgen machen müssten, ob der Passierbarkeit der Straße. Er grinst. Und gibt dann eine typische Archie-Antwort: “Es gibt doch eine Escape Route. Die ist zwar etwas länger aber voll ausgebaut. Eigentlich ist sie auch schneller. Aber die Touristen möchten doch ein wenig Abenteuer haben, oder?”
Hitgeheim Lodge
Sundays River Valley, nahe Kirkwood
Lat 33° 31 min 51 sec S
Lon 25° 37 min 25 sec E


Reader Comments