Wie die Deutschlands Medien einen Star-Koch erfinden - und die Welt darauf hereinfällt
Freitag, Mai 17, 2013 Am vergangengen Wochenende ereignete sich auf Sylt etwas sehr trauriges: Ein Koch wurde getötet.
Im Nachklang wird es nicht fröhlicher. Denn dieser Koch zeigt uns, wie sehr der Journalismus weltweit qualitativ abstürzt.
Die Geschichte trug sich wohl so zu: Zwei Handwerker waren mit dem Essen im Westerländer “Nozawa”nicht zufrieden, sie verweigerten die Bezahlung. Später in der Nacht begegneten sie dem Koch, Miki Nozawa, in einer Tabledance-Bar. Dort eskalierte der Streit, berichtet die Staatsanwaltschaft, die Handwerker schlugen zu, der Japaner erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen.
Wer diese Geschichte verdichten - es gibt Menschen, die behaupten es sei eine “journalistische Verdichtung” - möchte, der erzählt die Geschichte so: “Koch wird von unzufriedenen Gästen erschlagen.”
Diese Verdichtung spricht menschliche Instinkte an, die Vorstellung ist bei aller Trauer um einen Menschen, natürlich auch gefüllt mit bitterem Humor. Wie schnell sagt man in der grausigen Kantine des Arbeitgebers Sätze wie “Für so einen Mist müsste man den Koch erhängen”?
Diese Geschichte, also, ist erzählenswert. Doch in einer Welt, in der alle Medien ihre Leser anschreien und mit Superlativen überhäufen, reicht das nicht. Erst recht nicht für den größten Brüllaffen im Gehege, der, dem alles egal ist was Wahrhaftigeit und fundierte Information betrifft:”Bild”.
Für sie darf nicht einfach ein Koch sterben. Jede Figur ihrer Geschichten muss dramatisch überhöht werden und erhält dafür Adjektive und Zusätze zur Funktionsbeschreibung, wie Horror- und Kuschel-. Bei Köchen gibt es dazu zwei Alternativen: Ekel- oder Star-. Da Nozava in dieser Geschichte die Rolle des Guten innehat, krakeelt der Brüllaffe “Bild” am 14. Mai:
Nun ist Nozava sicherlich ein guter Koch gewesen. Eines aber war er ganz sicher nicht: ein Star-Koch.
Seine Vita weist allein Flavio Briatores “Billionaire” auf Sardinien als Station auf - eine Disco mit überzogenen Preisen.
Dort hat Nozava vermutlich für Menschen wie Denzel Washington oder Phil Collins gekocht, was in mehreren Berichten erwähnt wird. Sprich: Diese besuchten das “Bilionaire”, während Nozawa kochte. Er stand in der Küche, sie aßen. Ob sie sich begegneten darf bezweifelt werden.
Dann kochte Nozawa im “Mania”, einem Westberliner Treff von Ferrari-Freundin. Dort gibt es italienische Küche zu mittelhohen Preisen, 2007 berichtet die “Welt” von Pasta mit Tomaten und Parmesan für 11 Euro. Der Marcelino gibt gerade mal 5 von 10 möglichen Punkten für die Qualität der Speisen.
Andreas Bernert hat es dagegen hervorragend geschmeckt: “Miki hat das beste italienische Essen der Welt zubereitet - deshalb wollte ich, dass er zu mir kam”, erzählte der Gastronom der Sylter Lokalzeitung nach dem Tod des Kochs. Inzwischen betreibt Bernert den Insel-Ableger des “Stäv”-Konzeptes. Neben der “Ständigen Vertretung” in Westerland eröffnete Bernert in diesem Frühjahr das “Nozava” - einen japanischen Imbiß.
Ja. Ein Imbiß.
Das Sylt-Blog erwähnt gebratene Nudeln mit Gemüse und Rindfleisch für 8,50 Euro, das teuerste war wohl Sylter Ente mit süß-saurer Sauce zum Preis 14,50 Euro. Sprich: Nozawa war ein aufrechter Vertreter seines Berufsstandes, dem schreckliches widerfuhr. Aber von einem Star-Koch war er weit entfernt.
Nun wäre es noch hinnehmbar, würde die “Bild” ihre Leser mit derartiger Faktenverdrehung in die Hyperventilation treiben. Schließlich ist die “Bild” kein journalistisches Produkt sondern pures Entertainment. Doch wenn der Silberrücken der Brüllaffen zum Brunftschrei ansetzt, dann folgen ihm alle anderen.
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